![]() |
||
| Übertraining | ||
|
|
Übertraining – Diagnostische Möglichkeiten
Die immer höheren Anforderungen und Leistungen in den Ausdauersporten führen vermehrt dazu, dass Athleten zu den Saisonhöhepunkten wie Welt- und Europameisterschaften sowie olympischen Spielen ihre maximale Leistungsfähigkeit aufgrund von Infekten, Verletzungen oder mangelnder Form nicht erreichen.
Eine der möglichen Ursachen ist ein Übertrainingssyndrom. Die akute lokale Form des Übertrainings äußert sich in Insertionstendopoathien und Myogelosen welche leicht zuerkennen und damit meist rechtzeitig therapiert werden können. Die damit verbundene Reduktion des Trainings verhindert damit zumeist die Entwicklung eines chronischen systemischen Übertrainingssyndromes.
Dieses ist definiert durch eine verminderte körperliche Leistungsfähigkeit ohne krankhaften Organbefund trotz Trainings. Ursächlich ist ein chronisches Missverhältnis zwischen hohen Leistungsanforderungen in Training und Wettkampf und im Verhältnis dazu relativ geringerem Leistungsvermögen bzw. geringerer Belastbarkeit (DeMARRES).
Die uncharakteristische Symptomatik macht eine Diagnostik aufgrund des klinischen Bildes schwierig bis unmöglich. Die beschriebenen Symptome ließen jedoch eine Unterteilung in eine sympathische und eine parasympathische Übertrainingsform durch ISRAEL zu. Je nachdem welcher der beiden Zweige des autonomen Nervensystems durch das Übertraining ausgelenkt wurde, kommt es zum entsprechenden Symptomkomplex. So führt ein sympathisches Übertrainingssyndrom zu vermehrt ergotrophen Reaktionen im Sinne eines „fight and flight-Zustandes“, ein parasympathisches Übertrainingssyndrom hingegen zu trophotropen Reaktionen, welche durch Erholung und Ermüdung gekennzeichnet sind. Auf kardiologischer Ebene führt die sympathikotone Form zu einer erhöhten Ruheherzfrequenz und einem verzögerten Abfall der Belastungsherzfrequenz. Die parasympathikotone Form ist durch eine ausgeprägte Bradykardie gekennzeichnet. Beiden Formen gemeinsam sind eine Reduzierung der submaximalen Belastungsherzfrequenz. Da Änderungen der Herzfrequenzen natürlich auch im normalen Trainings- und Anpassungsprozess vorkommen und angestrebt werden, könne diese erst bei relativ starken Abweichungen zur Diagnostik eines Übertrainingssyndromes herangezogen werden.
Es wurde daher nach Parametern im Blut gesucht welche sich bei Übertraining signifikant ändern. Sinnvoll scheint in diesem Zusammenhang eine Bestimmung von Harnstoff, verzweigtkettigen Aminosäuren und Kreatinkinase im Hinblick auf einen katabolen Eiweißstoffwechsel. Weiterhin können Bestimmungen von Katecholaminspiegeln, endogenen Opioiden und Neurotransmittern (HOLLMANN/HETTINGER) weiteren Aufschluss geben. Eine besondere Rolle kommt dem Kortisolspiegel zu, insbesondere dem Testosteron/Kortisol-Quotienten (ADLERCREUTZ). Hinzu kommt eine Beeinflussing des Immunsystems die zu erhöhter Infektanfälligkeit führt [GABRIEL (2006)].
Da diese invasiven Methoden aber primär dem Hochleistungsport vorbehalten bleiben, nährten Veröffentlichungen zur Eignung der Herzfrequenzvariabilität (HRV) als Parameter zur Bestimmung der vegetativen Balance die Hoffnung auf einen breiten Einsatz. Grundlage ist die von KINDERMANN (1986) beschriebene vegetative Fehlsteuerung im Rahmen eines Übertrainingssyndromes, welche sich mit Hilfe der HRV messen lässt [HOTTENROTT (2001)]. Erste Längsschnittuntersuchungen an einem einzelnen Triathleten von BERBALK und BAUER (1999) sowie ARVAY/HOFFMANN (2001) kamen zu dem Schluss, dass die HRV zur Trainingssteuerung und Belastbarkeitsdiagnostik geeignet sei.
Untersuchungen zur Eignung der HRV in der Übertrainingdiagnostik kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Untersucher konnten eine vegetative Dsybalance zugunsten des Sympathikus [BAUMERT, GARET, KINDERMANN, MOUROT, PICHOT und UUSITALO] oder zugunsten des Parasympathikus [HEDELIN, HYNYNEN und PORTIER] nachweisen, bei anderen Untersuchern fand sich keine Beeinflussung der HRV [BOSQUET und HEDELIN]. Zu beachten sind hierbei aber die unterschiedlichen Studiendesigns. So untersuchte z.B. HEDELIN (2000) Skilangläufer bei denen ein Übertrainingszustand gesichert war, während UUSITALO (2000) und PICHOT (2000) im Rahmen einer mehrwöchigen Überlastung versuchten ein Übertrainingszustand zu induzieren und hierbei Messungen der HRV durchführten.
Eigene Untersuchungen
zeigten im gesamten Untersuchungszeitraum qualitativ und quantitativ nur
geringe Unterschiede zwischen den dichotomen Einflussvariablen auf die
Untersuchungsparameter. Diese geringen Unterschiede sind bei insgesamt sehr
großer inter- und intraindividueller Variation [SCHULZ (2002)] in der
alltäglichen Trainingspraxis zur Trainingssteuerung nicht brauchbar und
wirken somit einer verallgemeinernden Empfehlung zum Einsatz der HRV in der
Trainingssteuerung entgegen [HORN (2001), PLATEN (2002)]. Für den ambitionierten Leistungssportler ist es daher von entscheidender Bedeutung ein Übertrainingssyndrom durch eine sinnvolle Trainingssteuerung von vornherein zu verhindern.
Literatur:
[1] Adlercreutz, H., Härkönen, H. M., Kuoppasalmi, K., Näveri, H., Huhtaniemi, I., Tikkanen, H., Remes, K., Dessypris, A., Karvonen, J. (1986). Effect of training on plasma anabolic and catabolic steroid hormones and their response during physical exercise. Int. J. Sports Med. 7 (Suppl.):27
[2] Arvay S., Hoffmann, P. (2001). Herzfrequenzvariabilität und Trainingssteuerung – Die Bestimmung der HFV als eine nicht invasive Methode zur Beurteilung der körperlichen Beanspruchung durch sportliches Training: Spektrum der Sportwissenschaften 13, Suppl., 5-13
[3] Baumert, M., Brechtel, L., Lock, J., Hermsdorf, M., Wolff, R., Baier, V., Voss, A. (2006). Heart rate variability, blood pressure variability, and baroreflex sensivity in overtrained athletes. Clin J Sport Med. 16(5): 412-7
[4] Berbalk, A., Bauer, S. (2001). Diagnostische Aussage der Herzfrequenzvariabilität in Sportmedizin und Trainingswissenschaft. Zeitschrift für angewandte Trainingswissenschaft, 8: 156-176
[5] Bosquet, L., Papelier, Y., Leger, L., Legros, P. (2003) Night heart rate variability during overtraining in male endurance. J Sports Med Phys Fitness 43 (4): 506-12
[6] De Marées, H. (2002). Sportphysiologie. Sport und Buch Strauß, Köln, 9. Auflage
[7] Gabriel, H. (2006). Hypocinesia and overtraining – Consequences of sports with immune system. Auswirkungen von Sport auf das Immunsystem. Notfall & Hausarztmedizin; Vol: 32 (08/09); p. 411-415
[8] Garet, M., Tournaire, N., Roche, F., Laurent, R., Lacour, J. R., Barthelemy, J. C., Pichot, V. (2004). Individual interdependence between nocturnal ANS activity and performance in swimmers. Med Sci Sports Exerc 36 (12): 2112-8
[9] Hedelin, R., Kentta, G., Wiklund, U., Bjerle, P., Henriksson Larsen, K. (2000). Short-term overtraining: effects on performance, circulatory responses, and heart rate variability. Med Sci Sports Exerc. Aug;32(8):1480-4
[10] Hedelin, R., Wiklund, U., Bjerle, P., Henriksson Larsen, K. (2000). Cardiac autonomic imbalance in an overtrained athlete. Med Sci Sports Exerc. Sep; 32 (9): 1531-3
[11] Hollmann, W., Hettinger, T. (2000). Sportmedizin: Grundlagen für Arbeit, Training und Prävention. Schattauer- Verlag, Stuttgart; New- York, 4. Auflage
[12] Horn, A., Schultz, H., Heck, H. (2001). Herzfrequenzvariabilität zur Beurteilung der Regeneration nach erschöpfenden muskulären Belastungen. Einfluss erschöpfender Laufbelastungen verschiedener Dauer auf die morgendliche autonome Herzfrequenzregulation. Forschungsbericht BISp VF 040 7/01/20/2001, Bochum: Ruhr-Universität
[13] Hottenrott, , K. (2001). Grundlagen zur Herzfrequenzvariabilität und Anwendungsmöglichkeiten im Sport. In Hottenrott (Hrsg.) Herzfrequenzvariabilität im Sport. Prävention- Rehabilitation- Training. Schriften der deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft Band 129, Czwalina- Verlag, Hamburg, 9-26
[14] Hynynen, E., Uusitalo, A., Konttinen, N., Rusko, H. (2006). Heart rate variability during night sleep and after awakening in overtrained athletes. Med Sci Sports Exerc. 38 (2): 31-37
[15] Israel, S. (1958). Die Erscheinungsformen des Übertrainings. Sportmed. 9: 207
[16] Kindermann, W. (1986). Das Übertraining, Ausdruck einer vegetativen Fehlsteuerung. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 37, 235-241
[17] Mourot, L., Bouhaddi, M., Perrey, S., Capelle, S., Henriet, M. T., Wolf, J. P., Rouillon, J. D., Regnard, J. (2004). Decrease in heart rate variability with overtraining: assesment by the poincare plot analysis. Clin Physiol Funct Imaging 24 (1): 10-8
[18] Pichot, V., Roche, F., Gaspoz, J. M., Enjorlas, F., Antoniadis, A., Minini, P., Costes, F., Busso, T., Lacour, J. R., Barthelemy, J. C. (2000). Relation between heart rate variability and training load in middle-distance runners. Med. Sci. Sports Exerc., Vol. 32, No. 10, 1729-1736
[19] Platen, P., Nüsser, S., Krüger, M., Woestmann, R., Gelhaar D., Schulz, H., Hartmann, U., Bartmus, U., Grabow, V., Heck, H. (2002). Morgendliche Herzfrequenzvariabilität von Triathleten und nächtliche Herzfrequenz bei Ausdauerathleten im Jahresverlauf und deren Beziehung zum absolvierten Training. In Hottenrott (Hrsg.) Herzfrequenzvariabilität im Sport. Prävention- Rehabilitation- Training. Schriften der deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft Band 129, Czwalina- Verlag, Hamburg, 207-223
[20] Portier, H., Louisy, F., Laude, D., Berthelot, M., Guezennec, C. Y. (2001). Intense endurance training on heart rate and blood pressure variability in runners. Med. Sci. Sports Exerc., Vol. 33, No. 7, 1120-1125
[21] Schulz, H., Horn, A., Senge, P., Heck, H. (2002). Intraindividuelle Variabilität von Parametern der Herzfrequenzvariabilität. In Hottenrott (Hrsg.) Herzfrequenzvariabilität im Sport. Prävention- Rehabilitation- Training. Schriften der deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft Band 129, Czwalina- Verlag, Hamburg, 169-175
[22] Uusitalo, A.L. T., Uusitalo, A. J., Rusko, H. K. (2000). Heart rate variability durino heavy training and overtraining in the female athlete. Int. J. Sports. Med. 21: 45-53
|
|